14.08.2018 - Flossbach von Storch

„Der Lira-Crash ist Erdogans Verdienst“


„Der Lira-Crash ist Erdogans Verdienst“

Die türkische Währung verliert dramatisch an Wert. Im Interview spricht Thomas Mayer, Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institutes, über die wesentlichen Gründe – und die Folgen.

Herr Mayer, die türkische Lira verliert immer weiter an Wert. Dabei galt die Regierung Erdogan lange Zeit als Glücksfall für die Wirtschaft am Bosporus – was ist da passiert?
Mayer: Richtig ist, dass das Bruttoinlandsprodukt (BIP) seit 2002 unter Erdogans Ägide um beinahe sechs Prozent pro Jahr gewachsen ist. Aber: Das Wachstum wurde auf Pump finanziert. Seit 2011 stieg die Gesamtverschuldung aller Wirtschaftssektoren um rund 50 Prozent des BIP.

In vielen anderen Staaten ist es ähnlich gelaufen – ohne dass deren Währung derart unter Druck geraten ist. Wieso ist das im Falle der Türkei anders?
Die Schulden allein hätten nicht zum Problem werden müssen, wenn die Finanzierung im Inland stattgefunden hätte. Tatsächlich aber lebte die Türkei lange Zeit über ihre Verhältnisse, was zu beständig hohen Aussenhandelsdefiziten führte. Ein Teil des Auslandskapitals zu deren Finanzierung kam über Direktinvestitionen, zum Beispiel durch den Kauf oder Aufbau von Unternehmen. Ein anderer, grosser Teil wurde aber durch Verschuldung der Unternehmen finanziert. Dadurch stieg die Auslandsverschuldung zwischen 2005 und 2017 um beinahe 20 Prozentpunkte auf 53 Prozent des BIP.

Aber wäre nicht auch das verschmerzbar gewesen?
Möglicherweise – wenn sich die türkische Wirtschaft in Landeswährung verschuldet hätte. Diese kann die Zentralbank ja nach Bedarf drucken. Doch 50 Prozent wurden in Dollar und 33 Prozent in Euro aufgenommen. Wenn diese Schulden fällig werden, müssen sie durch neue Schulden ersetzt oder mit im Ausland verdienten Devisen zurückgezahlt werden. Und das wird zunehmend zum Problem.

Welche Rolle spielt Erdogan?
Internationale Investoren haben jedes Vertrauen in die türkische Wirtschaftspolitik verloren, seit Erdogan Wirtschafts- und Finanzpolitik zur Chefsache erklärt hat. Für viele ist er ein Finanz-Analphabet, der besessen scheint von der absurden Idee, Inflation müsse mit niedrigeren Zinsen bekämpft werden. Auch deshalb ist der Wechselkurs der türkischen Lira gegenüber dem Dollar seit Jahresbeginn um rund 40 Prozent abgestürzt. Die Inflation stieg von etwa sieben Prozent im Frühjahr 2016 auf zuletzt 16 Prozent!

Was bedeutet das für türkische Unternehmen?
Es wird immer schwieriger für sie, die notwendigen Devisen für ihren Schuldendienst zu verdienen. Verkaufen sie ihre Erzeugnisse im Inland, müssen sie wegen des fallenden Wechselkurses mehr Erlöse in türkischer Lira zum Kauf für die Devisen für den Schuldendienst abzweigen. Aber auch wenn sie exportieren, brauchen sie mehr Dollareinnahmen, um die steigenden Zinsen auf Dollarschulden zu bezahlen. Manche Unternehmen – und Banken, die ihnen die Fremdwährungskredite vermittelt haben – können dadurch in Schieflage kommen.

Was sind Erdogans Alternativen?
Manche Beobachter schlagen kräftige Zinserhöhungen vor, um ausländische Anleger bei der Stange zu halten. Dazu müsste Erdogan aber seine ökonomische Theorie über Bord werfen. Aber auch wenn er dies täte, ist es fraglich, ob sich ausländische Anleger dadurch anlocken liessen. Denn die Wirtschaft würde wohl schrumpfen und die Anleger fürchten, dass sie ihr Geld nicht zurückbekommen werden.

Könnte der Internationale Währungsfonds einspringen?
Prinzipiell schon. Dem dürfte aber Erdogans Ego entgegenstehen. Er wird sich wohl kaum dem wirtschaftspolitischen Diktat Washingtoner Bürokraten fügen wollen. Erdogan bleibt also nur die Hoffnung, sich irgendwie „durchwursteln“ zu können.

Das klingt nach keiner befriedigenden Perspektive …
Im Inland wird seine Regierung die heimische Nachfrage dämpfen müssen, und wenn nicht durch Zinserhöhungen, dann durch Verringerung der Staatsausgaben, zum Beispiel für die vielen prestigeträchtigen Infrastrukturprojekte. Im Ausland muss Erdogan eine Charmeoffensive starten, um Devisen ins Land zu holen.

Wird er bei seinem Besuch in Berlin damit anfangen?
Ich würde zumindest davon ausgehen, dass er sich mit wüsten Beschimpfungen zurückhalten wird.

Vielen Dank für das Gespräch.

 

Prof. Dr. Thomas Mayer ist Gründungsdirektor des Flossbach von Storch Research Institutes.

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