18.05.2021 - Flossbach von Storch

„Die Gefahr einer Deglobalisierung“


„Die Gefahr einer Deglobalisierung“

Politische Themen sind nur selten für die Kapitalmärkte relevant. Doch der Konflikt zwischen den USA und China birgt Risiken. Ein Gespräch von Philipp Vorndran und Norbert F. Tofall.

Philipp Vorndran: Bereits 2019, als die Debatte um den EU-Austritt Grossbritanniens heftig in den Medien debattiert wurde, haben wir das Thema, wie die meisten politischen Themen, als wenig relevant für die Märkte eingestuft. In den Nachrichten wurde zuletzt sehr viel über die nächste Bundestagswahl berichtet. Wie schätzt Du dieses Thema ein?

Norbert Tofall: Das Thema ist und war sehr präsent, wenn man sich etwa ansieht, wie viel Zeit etwa bei den TV-Nachrichtensendungen „Tagesthemen“ und bei „heute journal“ etwa auf die Frage der Kanzlerkandidatur bei den einzelnen Parteien verwendet worden ist. Doch für die internationalen Kapitalmärkte ist das nicht relevant. Das gilt in abgestufter Form auch für das Ergebnis der nächsten Bundestagswahl. Für Deutschland ist die Wahl im nächsten September nach dem Ende der Ära Merkel zwar ein wichtiges Thema. Doch egal, welche möglichen Konstellationen für eine neue Regierung wir uns anschauen: Ein echter Politikwechsel ist weder bei Schwarz-Grün, noch bei Jamaika und selbst bei Rot-Rot-Grün höchst unwahrscheinlich.

Gibt es eine Möglichkeit, die die Wahl im Herbst zu einem relevanten Ereignis für die Kapitalmärkte machen könnte?

Ja, etwa wenn wir tatsächlich eine neue Bundesregierung bekommen würden, die den Austritt aus dem Euro oder aus der Europäischen Union verfolgen würde. Das ist extrem unwahrscheinlich, dennoch gilt es, weiter zu beobachten und die Relevanz von neuen Aspekten für die Kapitalmärkte zu beurteilen und eventuelle radikale, relevante Veränderungen frühzeitig auszumachen.

Uns im Portfoliomanagement beschäftigt von den politischen Themen derzeit der Konflikt zwischen den USA und China am meisten. Worauf achtet Ihr hier dabei?

Zweifellos ist der Konflikt USA-China im Moment das wichtigste politische Thema für die internationalen Kapitalmärkte. Dieser Konflikt verändert die Strukturen der gesamten Weltwirtschaft. Es ist längst nicht mehr nur ein Streit zwischen der neuen, aufstrebenden wirtschaftlichen Supermacht China, und der alten, etablierten Hegemonialmacht USA, sondern es ist ein politischer Systemkonflikt entstanden.

Das wäre also eine Situation wie im Kalten Krieg, als sich die westliche und sozialistische Werteordnung in zwei Lagern unter Führung der USA und der UdSSR gegenüberstanden.

Genau. Auch derzeit besteht die Gefahr, dass es weltweit zu einer neuen Bipolarität kommen kann. Die neue Bipolarität bedeutet, dass jeweils ein neuer Pol in China und den USA entsteht. Eine Deglobalisierung der Weltwirtschaft könnte damit drohen. Dazu kann es kommen, wenn einer der Pole von weiteren Ländern fordert, dass sie sich vom jeweils anderen Pol entflechten müssen. Das hätte enorme Auswirkungen auf die gesamte Weltwirtschaft und ist für uns das ganz entscheidende Thema bei diesem Konflikt.

Durch eine Deglobalisierung könnten in der Folge die Bewertungen vieler Aktien sinken und es würden weltweit Wohlstandsverluste drohen. So sind etwa nach dem WTO-Beitritts Chinas durch die zunehmenden wirtschaftlichen Verflechtungen erhebliche Effizienzgewinne entstanden, die dann wieder verlorengehen würden. Wie könnte man diese Entwicklung noch verhindern?

Das ist derzeit die wichtigste Frage, die sich unsere Politiker stellen müssen. Hinzu kommt der Aspekt, ob man den politischen Systemkonflikt, der hier mitschwingt, nicht ignorieren oder verharmlosen darf. Die Herausforderung ist also: Wie verhindert man die Entstehung einer neuen Bipolarität und eine Deglobalisierung der Weltwirtschaft, ohne den politischen Systemkonflikt zu verharmlosen. Oder kann man die Entstehung einer Bipolarität verhindern und China trotzdem Grenzen aufzeigen?

Und wie könnte das konkret Deiner Meinung nach aussehen?

Die Stichworte dazu heissen Kooperation, Wettbewerb und Abschottung. Kooperation mit China kann man etwa bei Themen wie der Gesundheitspolitik oder dem Klimaschutz probieren. Ein Beispiel ist hier der virtuelle Klimagipfel, zu dem die USA geladen und an der auch China teilgenommen hat. Hier lohnt es sich, nach Möglichkeiten zu suchen, Probleme gemeinsam anzugehen. Wettbewerb bedeutet hingegen, dass man den Wettbewerb mit China im Welthandel annimmt. Dazu muss auch im Westen wieder die Standortfrage gestellt und eigene Standortprobleme müssen aktiv angegangen werden. Es gilt also herauszuarbeiten, ob und wo die eigene Position verbessert werden muss und kann, um gegen die internationale Konkurrenz zu bestehen. Der dritte Punkt ist die Abschottung von China. Das ist in allen Bereichen der Sicherheitspolitik wohl anzuraten, sei es im südchinesischen Meer oder in anderen Bereichen.

Norbert, Du hast immer wieder das Wort „bipolar“ gebraucht. Das bedeutet, es gibt zwei Player in diesem System, China und die USA. Vielleicht kannst Du noch etwas zu Europa sagen? In all Deinen Ausführungen hat der „alte Kontinent“ bisher kaum eine Rolle gespielt.

Es hat deshalb keine Rolle gespielt, weil ich es für sehr unwahrscheinlich halte, dass Europa in seinem derzeitigen Zustand neben China und den USA zu einem dritten, massgeblichen Player wird. Zuerst müssten in der EU die eigenen vielfältigen wirtschaftlichen und politischen Probleme gelöst werden. Selbst wenn das gelingen sollte, bleibt die Frage, ob Europa genug Kraft auf die Strasse bringt, um allein gegen China bestehen zu können. Auch Donald Trump hat geglaubt, er könne China ohne Verbündete einhegen. Das ist aber für die USA allein nicht zu schaffen. Europa wird es erst recht nicht im Alleingang schaffen. Auch deshalb ist es notwendig, zu einer Renaissance der transatlantischen Beziehungen zu kommen. Dafür gilt es die gegenseitigen Interessen abzustecken. Nehmen wir das Beispiel des chinesischen Technologiekonzerns Huawei. Für die derzeitige Bundesregierung Merkel ist dieses Thema eine Wettbewerbs- oder Handelsfrage. Die US-Regierung wertet es als sicherheitspolitische Frage. Für eine gemeinsame differenzierte Strategie müsste man sich auf eine gemeinsame Ausrichtung einigen.

Für wie realistisch erachtest Du das? Hast Du da noch Hoffnung?

Hoffnung habe ich, aber wir sind hier erst ganz am Anfang. Wir haben angesichts des Regierungswechsels in den USA eine Situation, in der sich die USA und Europa auf eine gemeinsame China-Strategie verständigen könnten. Die Arbeit besteht darin, die gemeinsamen und die konfligierenden Interessen von Europa und den USA auf den Tisch zu legen. Hier kann ein Regierungswechsel in Deutschland unseres Erachtens vielleicht Pluspunkte bringen. Unterm Strich gibt es also Hoffnung, weil zurzeit die Chance besteht, dass Europa und die USA in Zukunft wieder gemeinsam vorgehen. Aber ein Selbstläufer ist das nicht.

Vielen Dank Norbert für das interessante Gespräch – und bis zum nächsten Mal.

Philipp Vorndran (oben rechts im Bild) ist Kapitalmarktstratege bei der Flossbach von Storch AG.

Norbert F. Tofall (oben links im Bild) ist Senior Research Analyst beim Flossbach von Storch Research Institute.

 

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