Die Mär von der längsten Aktienrally aller Zeiten

23.08.2018 - Thomas Lehr

MÄRKTE


Thomas Lehr

Wenn es um Aktien geht, ist häufig vom „längsten Bullenmarkt aller Zeiten“ die Rede. Auch wenn die Kursgewinne der vergangenen Jahre üppig ausfallen, ist diese Aussage objektiv falsch. Ein Faktencheck.

Oft sind gerade die unbedeutenden Kleinigkeiten, über die sich Geldanlage-Profis ärgern können. Scheinbar unwichtige Ungenauigkeiten. Halbwissen, das Anleger zu falschen Schlüssen führen kann. Auch wenn mich jetzt der ein oder andere Leser für einen Erbsenzähler halten könnte. In diesem Falle möchte ich einmal einen dieser Irrtümer aufklären. Eine angebliche Tatsache, von der mir Investoren, Zeitungen oder „Finanzexperten“ immer wieder berichten. Die selbst US-Präsident Donald Trump per Twitter verbreitet.

Die Rede ist vom angeblich „längsten Bullenmarkt aller Zeiten“.

Gemeint ist die laufende Aufwärtsbewegung im US-Aktienindex S&P 500. Und tatsächlich: Seit dem 9. März 2009 gab es auf Basis der Schlusskurse der New York Stock Exchange keine Korrektur von mehr als 20 Prozent. Eben dieses Kriterium macht aus einem Bullen- einen Bärenmarkt. Bis hierhin stimmt die Geschichte sogar. Trotzdem ist die laufende Aufwärtsbewegung aber noch lange nicht der „längste Bullenmarkt aller Zeiten“.

Denn die längste Aufwärtsbewegung im S&P 500 gab es zwischen den Jahren 1987 und 2000. Sie dauerte 4.494 Tage. Damit aus der aktuellen Rally der „längsten Bullenmarkt der Geschichte“ werden kann, braucht es aber einen Schlusskursrekord nach dem 29. Juni 2021.Es fehlen also noch etwa drei Jahre!

Nun stellt sich natürlich die Frage, wieso dennoch so viele Menschen – darunter auch Finanzprofis – so offensichtlich falsch liegen. Natürlich lässt sich darüber nur spekulieren. Letztlich ist es vielleicht einfach menschlich, Hörensagen ungeprüft weiterzuverbreiten.

Die ursprüngliche Quelle ist unbekannt. Der Urheber des „Bärenmarkt-Rekord-Gerüchts“ scheint jedenfalls der Ansicht zu sein, es habe zwischen Juli und Oktober 1990 eine Korrektur von mehr als 20 Prozent gegeben. Auf Schlusskursbasis ist das aber nicht korrekt.

Und es wird sogar noch schlimmer. Wenn man sich schon nicht an die saubere technische Definition eines „Bullenmarkts“ hält und auch Höchst- und Tiefstkurse innerhalb der Handelstage berücksichtigt, dann würde man auch im April bis Oktober des Jahres 2011 eine Korrektur von mehr als 20 Prozent entdecken. In dem Fall würde der laufende Bullenmarkt erst seit dem 4. Oktober 2011 laufen. Und wäre ebenso weit entfernt von dem Allzeit-Rekord.

Wie man es auch dreht und wendet. Entweder man rechnet sauber – dann läuft der aktuelle Bullenmarkt tatsächlich seit dem 9. März 2009 und braucht noch drei Jahre bis zum nächsten Rekord. Oder man rechnet unsauber – auch dann dauert es aber noch bis ins Jahr 2021 für den „längsten Bullenmarkt der Geschichte“.

Übrigens: Wer jetzt auf Partys mit diesem vermeintlich unnützem Wissen punkten möchte, dem möchte ich noch einen Tipp geben. Der höchste Schlusskurs im laufenden Bullenmarkt datiert vom 26. Januar dieses Jahres und liegt bei 2.872,87 Punkten. Angenommen, es bliebe dabei. Und angenommen der S&P 500 fällt irgendwann auf Schlusskursbasis unter 2.298,27 Punkte. Dann markiert der 26. Januar 2018 das Ende des Bullenmarktes. Ganz gleich wann die 20-Prozent-Verlustmarke gerissen wird.

Ob wir uns aktuell überhaupt noch im Bullenmarkt befinden oder nicht – das ist davon abhängig, ob der S&P 500 als nächstes über 2.872,87 oder unter 2.298,27 Punkten den Handel beendet. Sie mögen mich für kleinlich halten. Aber das sind nun einmal die Fakten.  

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