04.02.2019 - Thomas Lehr

Eine Relativitätstheorie für die Börse


„Die Kurse – tief im Minus“. „Ein grauenvolles Jahr für Aktien“. Vergessen Sie Schlagzeilen wie diese. Sie basieren auf zweifelhaften Annahmen – zumindest aus Sicht eines langfristigen Anlegers.

Gerade nach schwächeren Börsenjahren erinnern Finanzberater ihre Kunden gerne daran, dass eine stichtagbezogene Betrachtung einzelner Kalenderjahre niemanden weiterbringe. Zu Recht. Betrachten wir beispielsweise mal den globalen Aktienindex MSCI Welt (in Euro, inklusive Dividenden). Ab dem 1. Januar 2018 gerechnet, liegt dieser Index Ende Januar 2019 – nach 13 Monaten – etwa zwei Prozent im Plus. Das ist nicht besonders viel. Vor allem wenn man bedenkt, dass das Kursplus vor 12 Monaten, vor neun Monaten und auch vor drei Monaten ebenfalls bei zwei Prozent lag. Schnell wird klar: Eigentlich ist gar nicht so viel passiert.

Wie relativ die Kursentwicklung von Aktien mit Blick auf (selbst gesetzte) Zeiträume wirken kann, zeigt der Blick auf die Extreme. Wenn man etwa die Spanne vom 1. Januar 2018 bis zum 1. Oktober 2018 betrachtet, in dem der MSCI Welt gut zehn Prozent zulegte. Die Minus neun Prozent – von Jahresbeginn bis Weihnachten. Oder die Minus vier Prozent, die nun auf ewig als „Schlusskurs 2018“ in den Wertentwicklungs-Geschichtsbüchern stehen.

Relativ bedeutet aber auch: Das ewige Pendeln zwischen Plus und Minus, die temporären, teils extremen Ausschläge und das nicht immer segensreiche Wirken des gregorianischen Kalenders ändern nichts an der Tatsache, dass sich seit Anfang 2018 an der Börse nicht viel getan hat.

Investieren wie ein Unternehmer

Wer ein wenig genauer hinschaut, dem wird schnell klar, dass „Stichtage“ für langfristige Anleger wenig Sinn machen. Auf der einen Seite gibt es die Unternehmen, an denen wir beteiligt sind. Deren Gewinne sind im vergangenen Jahr stärker gestiegen als erwartet. 2018 war für unternehmerisch denkende Anleger somit erst einmal ein gutes Jahr. Auf der anderen Seite gibt es die Aktien der gleichen, sehr erfolgreichen Unternehmen, die nicht nur wöchentlich, täglich, ja sogar sekündlich schwanken. Sondern am Jahresende auch noch (kurzzeitig) einbrachen, weil die Sorge am Markt vor einer kräftigen Wachstumsdelle zunahm.

Wer den Verlauf des vergangenen Jahres hätte vorhersagen wollen, dem hätte es also nichts gebracht, wenn er geahnt hätte, dass die Gewinne höher als erwartet ausfielen. Man hätte auch die Ende 2018 aufkommenden Wachstumssorgen antizipieren müssen. Und zwar stichtagsgenau! Denn diese Konjunkturängste waren um Weihnachten oder eben am Jahresende für die Kurse der Aktien offensichtlich relevanter als beispielsweise noch zu Beginn des Dezembers. Oder jetzt, Ende Januar.

Blick in die Kristallkugel

Es liegt auf der Hand, dass die beliebte Geistesdisziplin „Jahresprognose“ regelmässig erfolglos enden muss. Was bedeutet das aber nun für uns, die Geldanleger? Es hilft vor allem die Erkenntnis, dass…

…die Entwicklung „unserer Unternehmen“ und deren Aktienkurse auseinanderlaufen können.

…uns die Betrachtung vergleichsweise kurzer Zeiträume nicht weiterbringt.

…es nicht möglich ist, Schwankungen stichtaggenau vorherzusehen.

Eigentlich sollte uns das allen klar sein. Und dennoch wird immer wieder mit Jahresausblicken und -prognosen der Eindruck erweckt, die Marktentwicklung sei berechenbar.

Zu Gast bei der Familie Lehr

Zu guter Letzt erlaube ich mir noch eine persönliche Bemerkung. Bei uns zu Hause haben wir individuelle Stichtage eingeführt. In der Familie Lehr entspricht ein Anlagejahr immer dem jeweiligen Lebensjahr. Meine Schwester (geboren im September) dürfte sich aus dieser Sicht noch immer über das vergangene, sehr erfolgreiche Anlagejahr freuen. Für meinen Vater, der kurz vor Weihnachten geboren ist, verlief sein Anlagejahr sehr viel schlechter. Bei mir persönlich hat sich kaum etwas getan, denn mein Börsenjahr endete bereits am 6. Dezember.

Wenn unsere Familie allerdings auf das Ergebnis der vergangenen fünf, zehn oder 15 Jahre (oder welche Zeiträume man sonst betrachten möchte) zurückschaut, dann kommen alle drei zum gleichen Fazit. Wir liegen gleich auf - und unsere Aktienanlage hat sich gelohnt. Langfristige Anleger wissen um die Relativität von Stichtagen und Rendite. Unsere Erfahrung zeigt: Sie machen in der Regel den besseren Schnitt.

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