04.06.2019 - Flossbach von Storch

Hauptversammlungen – der Ton wird rauer


Auf den Hauptversammlungen der Dax-Konzerne geht es turbulenter zu. Kai Lehmann, Analyst des Flossbach von Storch Research Institute über Aktionärsdemokratie, Reputationsschäden und die Dividendenflut.

Herr Lehmann, als Wissenschaftler und Analyst verfolgen Sie die Hauptversammlungen der Dax-Konzerne seit vielen Jahren. Können die Anleger dieses Jahr zufrieden sein?
Kai Lehmann: Ja, zumindest mit Blick auf die Dividenden. Mehr als 36 Milliarden Euro schütten die Dax-Unternehmen aus, das ist so viel wie nie zuvor. Die Dividenden sind in den vergangenen Jahren kontinuierlich gestiegen, was Investoren in Zeiten ohne Zinsen sicherlich zu schätzen wissen. Bemerkenswert sind auch die Aktienrückkäufe der Unternehmen. 2018 gab es ein Zehnjahreshoch, das 2019 noch übertroffen werden könnte.

Wenn man die Schlagzeilen verfolgt, könnte man meinen, den deutschen Unternehmen geht es ziemlich schlecht. Kommt die Kurspflege der Unternehmen aus der Substanz?
Die Gewinnsituation der Mehrzahl der Dax-Unternehmen ist mit Blick auf die Bilanzen durchaus solide. Trotz Konjunktursorgen, Handelsstreit und dem nicht enden wollenden Brexit-Gezanke scheint die Lage gar nicht so schlecht.

Dennoch befindet sich die Mehrzahl der Aktien der einheimischen Unternehmen in den Händen ausländischer Anleger.
Wir gelten zu Recht nicht gerade als Volk von Aktionären. Aber mit Blick auf die Hauptversammlungen tut sich was. Die Aktienkultur wird besser.

Woran machen Sie das fest?
Die Besucherzahlen auf den Hauptversammlungen haben ein Rekordhoch erreicht. Sie liegen bei 66 Prozent, das sind 15 Prozentpunkte mehr als noch vor fünf Jahren. Die Präsenz steigt kontinuierlich an. Zwei Drittel der Aktionäre nehmen mittlerweile im Schnitt ihr Stimmrecht wahr.

Warum ist das Engagement der Eigentümer wichtig?
Aktionäre haben Rechte und Pflichten. Nur wenn die „Aktionärsdemokratie“ funktioniert, gibt es keine Zufallsentscheidungen, etwa wenn kleine Interessengruppen wegen Abwesenheit der Mehrzahl der Aktionäre plötzlich eine Mehrheit ergattern. Es ist auch positiv, dass sich die Grossinvestoren wieder vermehrt einmischen. Mit Blick auf einen langfristigen Unternehmenserfolg können sie abseits von Egoismen der Vorstände positiv auf die Geschäftspolitik einwirken oder personelle Veränderungen einfordern.

Der Ton scheint in den letzten Jahren rauer geworden zu sein.
Noch vor einigen Jahren war es fast undenkbar, dass die Aktionäre auf der Hauptversammlung den Vorstand nicht entlasten. Zwar ist die Zustimmungsquote der Dax-Vorstände mit über 90 Prozent noch vergleichsweise hoch, nur in einem Unternehmen wurde der Vorstand nicht entlastet. Die Zeiten, in denen die Eigentümer ihren Vorständen einen Freifahrtschein ausstellten sind aber vorbei. So ist die eben angesprochene Nicht-Entlastung ein absolutes Novum in der Dax-Geschichte.

Bei schwachen Abstimmungsergebnissen drohen aber keine personellen Konsequenzen.
Rechtlich nicht, in der Praxis aber schon. Mangelnde Zustimmung verursacht Reputationsschäden. Nicht selten kosteten sie die entsprechenden Personen in der Folge den Job. Die Statistik zeigt übrigens, dass die Aktionäre, die dem Vorstand das Vertrauen entziehen, auch dem kontrollierenden Aufsichtsrat die Gefolgschaft verweigern. Über die Motivation lässt sich streiten. Vielleicht können die Anleger nicht zwischen den Organen unterscheiden – oder sie vermuten Seilschaften, die eine effektive Kontrolle verhindern könnten.

Welche Reizthemen sehen Sie in der Zukunft?
In diesem Jahr gab es lediglich bei vier der 30 Dax-Unternehmen Abstimmungen über das System der Vorstandsvergütung. Dies hat einen Grund: So ändert sich vermutlich ab 2020 das Aktienrecht: Dann müssen börsennotierte Gesellschaften bei jeder wesentlichen Änderung, mindestens aber alle vier Jahre darüber abstimmen lassen. Fällt das Vergütungssystem bei den Aktionären durch, muss der Aufsichtsrat nachbessern. Das könnte spannend werden.

Warum sind kritische Aktionäre gut für ein Unternehmen?
Vertrauen ist gut, Kontrolle ist besser. Diese Regel gilt für Privatanleger ebenso wie für Vermögensverwalter oder institutionelle Investoren. Auch passive Investoren sollten sich stärker inhaltlich beteiligen. Eine fundierte inhaltliche Auseinandersetzung mit der Perspektive des Unternehmens kann den Geschäftserfolg fördern.

Kai Lehman ist Senior Research Analyst beim Flossbach von Storch Research Institute in Köln.

 

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