19.02.2018 - Kurt von Storch

Ver­ges­sen Sie Pro­gno­sen!


Kurt von Storch

Zu Beginn des Jahres sagen vermeintliche Anlageexperten gerne voraus, wie sich der Aktienmarkt entwickelt. Ihr Geld sollten Anleger jedoch lieber auf der Basis von ein paar anderen Überlegungen investieren. Eine Kolumne aus der Rheinischen Post.

Mögen Sie Prognosen? Ich nicht. Trotzdem möchte ich ein paar Zeilen dazu verlieren. Der Jahreszeit geschuldet. Schliesslich werden zu Jahresbeginn unzählige Ausblicke in den Büros der Finanzhäuser, aber auch den Wirtschaftsredaktionen verfasst. Stets versehen mit einer vermeintlich präzisen Prognose für die kommenden zwölf Monate. Wo steht der Deutsche Aktienindex (Dax) Ende 2018? Wie entwickelt sich der Euro im Vergleich zum US-Dollar? Und was passiert mit dem Goldpreis?

Ich wüsste das auch gerne. Nur woher? Ich habe keine Kristallkugel auf dem Schreibtisch. Leider. Und ich bin mir ziemlich sicher, dass all diejenigen, die ihre Prognosen zwar sehr überzeugend - und mit dem Anstrich von Seriosität versehen - vortragen, auch keine haben. Ich weiss nur: Jahresprognosen, also Punktprognosen, sind unseriös. Punkt.

Auf kurze Sicht ist die Börsenentwicklung schlicht unberechenbar. Zu viele Faktoren beeinflussen die Kurse. Unzählige Konjunkturdaten, Notenbanker-Treffen, wohl meinende Kapitalmarktstudien, Unternehmensnachrichten, politische Ereignisse, Naturkatastrophen oder letztlich die Anlegerpsyche.

Wie soll ich da genau sagen können, wo der Dax in einem Jahr steht?

Diejenigen, die vorgeben, genau das zu können, haben zwei Möglichkeiten: Sie können erstens so tun, als liesse sich die Vergangenheit beliebig fortschreiben. Wenn der Dax in der Vergangenheit durchschnittlich 8,6 Prozent pro Jahr zugelegt hat, dann mag das für die Zukunft auch gelten. 8,6 Prozent von 13.000 Punkten macht 1118 Zähler. Das obendrauf und fertig ist die Prognose. Völlig blamieren wird man sich damit vermutlich nicht. Weil viele so arbeiten und in der Masse damit gar nicht auffielen.

Notorische Crash-Propheten

Die zweite Variante ist dagegen für alle, die auffallen wollen. Die Extremprognose. Wobei der Boom als prognostiziertes Szenario weniger beliebt ist als der Crash. Wer stets das nächste Allzeithoch ausruft, steht irgendwann als Traumtänzer da. Der Crash-Prophet dagegen ist besser beleumundet, zumindest ist das meine Wahrnehmung. Sein Erfolgsrezept gründet auf der steten Wiederholung. Wer Jahr für Jahr den Crash prognostiziert, wird irgendwann recht behalten.

Aber: Weder Variante eins noch Variante zwei helfen Anlegern weiter. Im Gegenteil, sie schaden sogar. Niemand sollte in Aktien investieren, nur weil irgendjemand behauptet, der Dax würde in zwölf Monaten zehn Prozent höher stehen. Und niemand muss sein Depot auflösen, weil er in einem Kapitalmarktausblick gelesen hat, der Untergang des Abendlandes stünde bevor.

Das grosse, Ganze im Blick

Viel wichtiger als eine Punktprognose ist es, einigermassen einschätzen zu können, was langfristig die wichtigen Einflussfaktoren auf die Börsen sind. Wie entwickelt sich das Zinsniveau? Wir denken, dass es noch lange vergleichsweise niedrig bleibt. Die langfristigen Konjunkturerwartungen? Wachsen nicht in den Himmel. Die Schuldenberge weltweit und die alternden Gesellschaften in den Industriestaaten begrenzen das Wachstumspotenzial. Und der Euro? Anfällig, immer noch. Die Währungsgemeinschaft wird allein von der EZB zusammengehalten. Die Ursachen für die Eurokrise sind nicht behoben.

All das führt dazu, dass Anleger ihr Vermögen möglichst breit anlegen sollten. Erstklassige Aktien, ausgewählte Anleihen, Gold als Versicherung und eine ausreichende Liquiditätsreserve. Sie verschafft die Flexibilität, Anlagegelegenheiten nutzen zu können, wenn sie sich bieten. Und das werden sie. Vergessen Sie bitte die Jahresprognosen!

Die Kolumne von Kurt von Storch ist in der Rheinischen Post erschienen.

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