Weltwirtschaft – wenn der Blitz einschlägt…

25.05.2018 – Philipp Vorndran, Thomas Lehr

MÄRKTE


Thomas Lehr

Die Gewinne der Unternehmen sprudeln. Dennoch sollten Anleger auf der Hut sein. Es gibt einige Risiken auf den Märkten, die das Potenzial für Kursrückschläge bieten.

Die Bilanz der ersten fünf Börsenmonate erinnert an einen schönen Sommerabend. Die Temperatur ist angenehm, die Winde lau. Etwas schwül vielleicht. Der ein oder andere hält vielleicht schon Ausschau nach dem nächsten Wolkenbruch. Wetterleuchten am Horizont.

Nach einigen Turbulenzen laufen die Börsen wieder rund. Mit einem Plus von gut vier Prozent (in Euro) ist der weltweite Aktienindex MSCI World 2018 nicht so weit weg von unserer jährlichen Renditeerwartung für diese Anlageklasse.

Die Weltwirtschaft läuft ordentlich. Das zeigte sich zuletzt auch bei den Unternehmensgewinnen. Die Berichtssaison in den USA verlief sehr zufriedenstellend. Gut sieben von zehn im weltweiten Standard & Poor‘s 500-Aktienindex gelisteten Unternehmen haben die – nach Einführung der US-Steuerreform hoch gesteckten – Erwartungen der Analysten übertroffen. Die Gewinne lagen im Schnitt gut ein Viertel höher. Solche Quartale sind selten. In den vergangenen 20 Jahren gab es vielleicht fünf bis sechs davon.

Trotzdem können wir Turbulenzen nicht ausschliessen. Wir halten eine Fortsetzung des „Sägezahnmarktes“ für wahrscheinlich, bei dem sich die Kurse hektisch auf und ab bewegen. Auslöser könnten blitzartige Einschläge sein, Krisen auf der Welt. Unser Kollege Thomas Mayer machte sich schon mal auf die Suche nach möglichen Gewitterrisiken. Wir möchten Ihnen einige davon vorstellen.

Weiche Währungen in den Schwellenländern

Die Erwartungen von Zinserhöhungen in den USA sind zuletzt gestiegen. Wirtschaft und Arbeitsmarkt entwickeln sich gut. Steigende Ölpreise lassen die Inflation steigen. Wenn die Inflation in den USA nachhaltig bei zwei Prozent bleibt, dann dürfte die US-Notenbank Federal Reserve (Fed) nach unserer Analyse wohl konsequent auf ihrem Zinserhöhungspfad bleiben.

Mit US-Präsident Donald Trump und Fed-Chef Jerome Powell agiert in den USA ein Duo, das sich stark vom Vorgängerduo Barack Obama und Janet Yellen unterscheidet. Obama und Yellen haben sich noch als Schützer des globalen Geldsystems verstanden. Für Trump und Powell hingegen steht „America First“ im Zentrum der Geldpolitik, nicht der Rest der Welt.

Notenbank-Regime in den USA ändert sich

Diese Änderung des US-Blickwinkels ist sehr relevant – zumindest wenn sich ausserhalb der USA erste Gewitterwolken zeigen. Früher wären die Zinsen von der Federal Reserve vielleicht nicht so schnell hochgezogen worden. Aber das neue Regime wird unseres Erachtens wohl solange nicht von dem Zinserhöhungspfad abweichen, bis das Gewitter die USA selbst erreicht hat. Das kann dazu führen, dass sich Entwicklungen ausserhalb der USA in der Zwischenzeit viel drastischer vollziehen, als es noch vor einigen Jahren möglich erschien.

Leidtragende sind Schwellenländer – vorerst

Diese neue (Geld-) Politik könnte vor allem Schwellenländer treffen. Wenn Anleger aus anderen Währungsräumen damit rechnen, dass die Zinsen in den USA schneller als woanders steigen, investieren sie verstärkt in US-Anleihen. Das lässt den Wechselkurs des US-Dollars steigen. Höhere Zinsen und ein stärkerer US-Dollar sind Gift für Länder, die hoch verschuldet sind und einen grossen Teil der Schulden in US-Dollar aufgenommen haben. Investoren fliehen aus solchen Ländern. Dann geraten Staats- und Unternehmensfinanzen schnell unter Druck.

Ein Beispiel dafür wäre Argentinien. 2017 begab das Land noch eine hundertjährige Staatsanleihe. Aus unserer Sicht erstaunlich: Die Anleger griffen freudig zu. Seit Anfang des Jahres hat sich die wirtschaftliche und innenpolitische Lage des Landes aber dramatisch verschlechtert. Der Kurs der in US-Dollar denominierten Staatsanleihe fiel seit Jahreswechsel um mehr als 15 Prozent. Deutlich stärker stürzte der argentinische Peso ab – trotz eines Leitzinses von zuletzt 40 Prozent.

Nächstes Opfer Türkei?

Seit der Wahl Erdogans zum Präsidenten im August 2014 hat sich der Kurs der türkischen Lira zum Euro beinahe halbiert. Die Türkei ist mit 53 Prozent des Bruttoinlandsproduktes verschuldet, ein erheblicher Anteil davon ist in US-Dollar denominiert. Zuletzt verschreckte Präsident Recep Tayyip Erdogan mit der Aussage, die Nationalbank höre nun auf sein Kommando. Dass Erdogan so handelt, mag viele vielleicht nicht überraschen. Dass der Präsident die fehlende Unabhängigkeit „seiner“ Notenbank aber so öffentlichkeitswirksam artikuliert schon. Das Vertrauen der Anleger in die türkische Währung schwindet weiter.

Was passiert mit den Krisenländern der Eurozone?

Probleme in den Schwellenländern können auch auf exponierte Länder in der Eurozone übergreifen. Wenn Anleger in den Sicherheitsmodus übergehen, können wohl auch italienische Staatsanleihen in Mitleidenschaft geraten. Das Land ist mit rund 2,2 Billionen Euro verschuldet, das sind rund 130 Prozent des Bruttoinlandsproduktes (BIP). Seit April stieg die Rendite zehnjähriger Staatsanleihen von knapp 1,7 Prozent zeitweise auf mehr als 2,4 Prozent. Der Risikoaufschlag zu deutschen Bundesanleihen verdoppelte sich seit April dieses Jahres. Dafür gibt es einen Grund.

Populisten in Italien

Schon bevor die neue Regierung in Italien steht, gibt es einige wilde Gerüchte. Etwa die Forderung, dass die EZB dem Land Schulden in Höhe von 250 Milliarden Euro „erlassen“ solle. Die „abstruse“ Koalition aus linker Fünf Sterne und rechter Lega wäre grob vereinfacht wohl so, als ob in Deutschland Die Linke und AfD koalieren.

Die Pläne einer möglichen neuen Regierung in Italien sehen milliardenschwere Ausgaben vor – für Soziales, Steuersenkungen oder einer weitgehenden Rücknahme der Rentenreformen. Mehrkosten von gut sieben Prozent des Bruttoinlandsproduktes müssten dann finanziert werden. Wohl grösstenteils über neue Schulden. Ohne die andauernde Rückendeckung durch die EZB wären die Renditen für italienische Staatsanleihen unseres Erachtens noch deutlich schneller gestiegen. Eine Zinswende, die ihre Namen auch verdient, wird in der Eurozone vor diesem Hintergrund nicht gerade wahrscheinlicher.

Noch nicht im Amt erhöht die Koalition schon mal den Druck auf die Europäische Union, die im Juni zum Gipfeltreffen zusammenkommt. So ist mal wieder eine Art italienische Parallelwährung in Form kurzlaufender Anleihen im Gespräch. Mit sogenannten „mini-BOTs“ könnte der italienische Staat etwa ausstehende Rechnungen italienischer Unternehmen begleichen.

Eine Umsetzung in die Praxis – die wir allerdings kurzfristig für eher unwahrscheinlich halten – hätte wohl viele negative Auswirkungen. Die Zahl verunsicherter italienischer Bürger, die ihr Geld ins Ausland bringen würden, dürfte dann wohl weiter steigen. Die Zinsen der klassischen Anleihen des Landes würden wohl nach oben rauschen – und damit Inhaber von italienischen Staatsanleihen, Private wie Banken vor grosse Probleme stellen. Das kann nicht wirklich im Interesse einer italienischen Regierung sein, die länger im Amt bleiben möchte.

Die Gewitterwolken sind am Himmel schon aufgezogen. Wo die Blitze exakt einschlagen und welchen Schaden sie verursachen – das können selbst erfahrene Wetterforscher nicht vorab sagen. Wir bleiben wachsam.

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