29.04.2021 - Philipp Vorndran

China, die unbekannte „Zinsmacht“


China, die unbekannte „Zinsmacht“

Die Börsen steigen scheinbar unaufhörlich. Zeit, sich mit möglichen Risiken auseinanderzusetzen. Ein Szenario haben wohl die wenigsten Anleger auf dem Schirm. 

Nach den harten Kursverlusten angesichts des weltweiten Ausbruchs der Corona-Pandemie im vergangenen Jahr ist der Optimismus an die Finanzmärkte längst wieder zurückgekehrt. Die Zahl der Impfungen steigt, in den USA etwas schneller als in Europa. Die wirtschaftlichen Aussichten hellen sich auch angesichts der enormen staatlichen Hilfspakete auf und die Börsen notieren deutlich im Plus. Vor allem seit Beginn des Jahres wurde an den wichtigsten Aktienmärkten eine ansehnliche Wertentwicklung erreicht.

Auch wenn wir langfristig zu Aktien (auch wegen dauerhaft niedriger Zinsen) kaum Alternativen sehen, beobachten wir doch mögliche Gefahren für die Märkte sehr genau. Das grösste Risiko (zumindest aus dem Blickwinkel unseres anlagestrategischen Weltbildes) wäre wohl ein deutlicher und nachhaltiger Zinsanstieg, den wir aber derzeit nicht erwarten.

Chinas Boom hat Folgen

Sie kennen unsere Argumentation: Es kann als so gut wie sicher gelten, dass sich die Europäische Zentralbank (EZB) derzeit keine Gedanken um Zinserhöhungen macht. Die USA scheint hier etwas hin- und hergerissen. Doch auch hier haben die Staatsschulden ein enormes Niveau erreicht, so dass wir auf Sicht nicht mit einer nachhaltigen Zinserhöhung rechnen – zumindest nicht am langen Ende.

Alles gut also? Ein Vergleich des weltweiten Wachstums zeigt, dass es bei dieser Analyse womöglich einen weiteren wichtigen Player gibt, den wohl die wenigsten auf der Rechnung haben. Die Wachstumsdynamik in China ist im weltweiten Vergleich am höchsten. Ende 2021 dürfte China das Vorkrisenniveau bereits um zehn Prozent gesteigert haben. In Europa können wir nicht mit solchen Wachstumszahlen rechnen. Aber auch die USA, die mit enormen Hilfs- und Strukturprogrammen das Wachstum antreiben, hinken deutlich hinterher (siehe Grafik 1).

Was passiert also, wenn sich die chinesische Notenbank, die People‘s Bank of China (PBoC), angesichts dieser Wirtschaftsdynamik entschliessen würde, die Zinsen zu erhöhen? Investoren haben sie bei der Betrachtung der Zinsentwicklung in der Regel nicht auf dem Schirm. Sie achten meist nur auf die US-Notenbank, die EZB und allenfalls noch auf die Bank of Japan.

Eine solche Situation erinnert mich persönlich an die Jahre 1994/95, als Europas Wirtschaft im Schlamassel steckte und die USA in sieben Schritten die Zinsen von drei auf sechs Prozent anhoben. Auch damals hatte niemand mit einem solchen Anstieg gerechnet. Nach der Ankündigung brachen die Märkte ein und der US-Dollar ging durch die Decke.

Wenn also China einseitig die Zinsen anheben würde, dürfte der Renminbi aufwerten. Ausländische Anleger könnten wegen der wesentlich höheren Zinsen in chinesische Anleihen investieren. Der Mittelzufluss über solche „carry trades“ würde die Währung beflügeln. Zumindest so lange, bis die chinesische Notenbank ihre Entscheidung revidieren würde, etwa weil die Abkühlung der wachstumsstarken chinesischen Wirtschaft in Folge eines „Nach-Corona-Booms“ durch Zinsanhebung und Währungsaufwertung etwas zu heftig verlaufen würde.

Ein solches Szenario hätte zumindest temporär negative Auswirkungen auf die Rohstoffpreise und würde unsere Importgüter aus China zwischenzeitig deutlich verteuern. Unruhe bei vielen Investoren wäre garantiert, Verwerfungen auf Anleihe- und Aktienmärkten denkbar. Auch wenn ein solches Szenario wohl erst in einigen Jahren in greifbare Nähe rückt, werden die Handlungen der PBoC für Investoren stetig relevanter werden.

 

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